Darwin wird 200, Schönheitsideale, Konsumgewohnheiten, Kinderspiele und Kunst

Eine Nase, deren Länge, Breite, Tiefe und Farbe - sogar deren Nasenlochgröße exakt dem Mittelwert aller bisher gesehenen Nasen entspricht, ist die schönste Nase. Neulich hörte ich nämlich, dass Menschen als besonders schön empfunden würden, wenn ihr Äußeres möglichst nah am Durchschnitt aller Menschen liege. Klingt erst mal ernüchternd. Ist demnach unser Individualismus nur eine vorgetäuschte Unterordnung an die Gesamtheit?

Wenn dem nicht so wäre, wäre die biologische Evolution auf der Erde eine äußerst unstabile Geschichte, die mit jeder guten Variation die Auslöschung der "Rasse" mit sich bringen könnte. Muss ich das ausführen? Ich glaube das versteht jeder ohne Paarungswahrscheinlichkeits-Tabelle. Wir stehen also auf den Durchschnittstypen. Das ist eine Einstellung, die ganz und gar nicht in unsere Zeit der Individualisierung, Pluralisierung und sonstige Differenzierungen reinpasst. Ich will doch nicht den gleichen Pulli wie mein Kollege tragen, er muss sich absetzten. Der Soziologe Georg Simmel hat bereits vor 103 Jahren im Aufsatz "Die Mode" dieses paradoxe Phänomen erklärt, dass der Mensch zwischen Distiktion und Zugehörigkeit hin und herspringen möchte. In der Werbepsychologie hat man genau dieses Phänomen schon längst fruchtbar eingesetzt. Alles ist neu, und dennoch weicht eigentlich nichts weit von dem ab, was es bereits gibt. Veränderung passiert nur durch einige unberechenbare Abweichungen, die dann den Durchschnitt langsam verschieben. Die Marktforschung misst diese Veränderung meistens etwas zeitversetzt. Ein Beispiel des letzten Jahres ist das übergroße Interesse der Deutschen an ökologischen und Made-in-Germany-Produkten. Ein Vorgeschmack, wie emotionslos diese Erkenntnisse wieder für den Profit eingesetzt werden können, findet sich z.B. in der "OTTO-Trend-Studie Konsum-Ethik 2007" vom Trendbüro Hamburg. (Das Trendbüro Hamburg ist ein Beispiel für Soziologen und Zukunftsforscher, die ihre Fähigkeiten komplett vom wissenschaftlichen Erkenntnisdrang zur Verbesserung der Zustände entkoppelt haben, und sie stattdessen in einem berechneten "System-Flirt" mit der Wirtschaft profitbringend einsetzen.)

Das ist nur ein Teil meiner Überlegung. Der andere Teil besteht in der Frage danach, was der Mensch mag, wo er sich wohlfühlt. Da in meinem Umfeld in den vergangenen Jahren immer mehr Kinder auftauchen, versuche ich inzwischen manchmal, einige Beobachtungen zu Regelmäßigekeiten zusammenzufassen. Mir ist aufgefallen, dass Kinder mit den einfachsten Dingen am liebsten spielen. Elektro-Autos mit automatischem Start nach zwei mal drücken werden einfach nur angeschoben ohne Benutzung der Zusatzfeatures. Die Schwärmerei fürs Technische scheinen nicht im Menschen selbst zu stecken, sondern von Media-Markt und Saturn über Jahre künstlich erzeugt worden zu sein. Das Kind spielt mit dem Playmobil-Pferd, der Holz-Eisenbahn, dem Deckel des Marmeladenglases am liebsten. Dazu kommt, dass es die Natur unheimlich gerne mag. Warum ist das so?

Der dritte Teil meiner Überlegung könnte das Phänomen einigermaßen glaubwürdig lösen, und zwar als Frage: Was ist Kunst? Die Kunst besteht immer in der Fähigkeit, sie zu interpretieren. Jazz-Musik gefällt nur dem, der sie versteht. In der Musik kenne ich mich ein bisschen aus, darum kann ich sagen: die Taktart im Musikstück muss ich ebenso verstehen wie die Harmonien der Akkorde. Monotone Techno-Musik kann erst auf der Party richtig verstanden werden, so versetzt man sich in diese Kultur. In der Kunst und Malerei bin ich eher einfach gestrickt. Dadaismus ist mir bis heute nicht zugänglich, Surrealismus vielleicht ein bisschen, aber eigentlich doch nur durch Dali.

Zusammenfassend will ich folgende vier Thesen aufstellen:

  1. Wir mögen die Kunst, die wir am besten verstehen, die uns bewegt.
  2. Das Kind spielt mit den Dingen, die es begreift oder gerade begreifen lernt.
  3. Unsere Zahnpasta ist vermutlich die, die wir aus der Werbung kennen.
  4. Heidi Klum sieht so aus wie alle Deutschen zusammen geteilt durch die jeweilige Häufigkeit ihrer Betrachtungsdauer (oder so ähnlich).

Und meine Mutter erzählte mir, dass ein dreijähriges Kind sie demnächst wieder auf dem Bauernhof besuchen kommen will, aber dann gleich für drei Tage.

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