Vitamin-C-Körbchen schafft mehr Gerechtigkeit

Meine H-Milch heißt Landliebe. Die Tomaten in meiner Fertigsoße sind sonnegereift und sorgfältig ausgewählt. Und das oberste Gebot der ausgebildeten Meisterpflücker meiner Orangen heißt Fairplay. Worum soll ich mir da noch Sorgen machen?

Es ist kein Segen, eine Ausbildung als Werbemensch gemacht zu haben. Da sammeln sich leider einige Ticks an, die nicht mehr so einfach loszuwerden sind. Damals fing ich an zu analysieren, wie andere Anzeigen, Plakate, Verpackungen und Werbefilme aufgebaut sind. Erst tat ich das nur, um Inspirationen für meine eigene Arbeit zu sammeln. Später wurde daraus eine lästige Gewohnheit, die mich bis heute verfolgt. Wenn ich Bus fahre, sehe ich immer zuerst Werbung. Das fängt schon an der Haltestelle an. Und wenn man mal darauf achtet, merkt man erst wie ungeheuer viel davon morgens bis abends auf uns einwirkt.

Ich mache es mal konkreter: Trier Haltestelle Charlottenstraße Richtung Uni. Gegenüber sind zwei große Flächen für Plakate. Da ist meistens etwas wie Kondom-, Sportschuh- oder Welthungerhilfe-Werbung. Autos und LKWs mit merkwürdigen Firmenbezeichnungen stauen sich am Kreisverkehr vor den Kaiserthermen. Die Haltestelle selbst bietet einen nachts von innen beleuchteten Glaskasten, in dem sich Media-Markt und Kaufhof abwechseln. Ich habe gelernt, dass man in diesen Kästen sogar lustige Effekte erzeugen kann, indem man auf die Rückseite des Plakates noch eine "geheime Botschaft" druckt, die dann nur nachts erscheint. Der Bus kommt an, es ist eine fahrende Werbetafel. So finanzieren sie den unrentablen ÖPNV mit. Ich freu mich immer schon, wenn ich rausschauen kann ohne von einem spiegelverkehrten Slogan abgelenkt zu werden. Im Bus selbst hängen kleine, unauffällige Plakate für Veranstaltung in der Trier-Arena. Beim Fahren erscheinen und verschwinden links und rechts diverse Plakate, manchmal auch an Straßenlaternen oder im Weinberg. Jede Haltestelle fängt meinen Blick für Sekunden ein und will mich für unsinnige Produkte wie Handyverträge zum Sich-leer-quatschen begeistern.

Das ist aber nur Stufe Eins. Stufe Zwei nennt sich Corporate Design: Logos und Markennamen, Schriftzüge und Beschilderungen. Jedes Fahrzeug lockt mich auf sein Logo zu blicken und zu analysieren, wie es gestaltet ist. Und es ist gut gestaltet. Alles kleine Meisterwerke der Langzeit-Identifikation, teuer erkauft von den Profis aus der Branche, dagegen sind meine Arbeiten wirklich Anfängerstücke. Im Bus sind es die Jacken, Rucksäcke und Pullis der anderen, die großflächig Eastpack, Puma und Dolce & Gabana anpreisen. Alles sehr aufmerksamkeitserregend.

Und nun Stufe Drei. Verlockend ist auch sich anzuschauen, womit die Werbetexter die leeren Flächen zwischen diesen Aufmerksamkeitsgeneratoren und Corporate Designs gefüllt haben. Und hier fängt der amüsante Teil an, vorausgesetzt man nimmt das ganze nicht zu ernst. Das mit Abstand häufigste Wort auf Narungsmittelverpackungen ist "sorgfältig", dicht gefolgt von "schonend": sorgfältig ausgewählt und schonend zubereitet. Bevor man es prüft, glaubt man nicht auf wie vielen Dingen diese Wortkombination geschrieben steht. Der Spaß wird umso größer, wenn die Texter den schleimigen Höhepunkt ihrer Wohlfühl- und Sorgfalts-Ergüsse bereits überschritten haben. Neulich entdeckte Daniel, mein Mitbewohner, einen dieser Flyer, die weit übers Ziel hinaus schießen. Es geht um SanLucar Orangen. Mit dem Titel "Von der Sonne verwöhnt - von Meisterhand gepflegt" pflückt ein 65-jähriger - vermutlich deutscher- mit Strohhut verkleideter Karohemd-Rentner mit sorgfältig prüfendem Blick eine Orange:

"Nichts ist so gut für Zitrusfrüchte wie Erfahrung und Sonne". Das ist erst der Anfang. Im Innenteil dann: "Meisterbauer Vincente Romero verrät, welche Früchte die süßesten sind. Die Sonne macht sie süß, das Meer macht sie saftig - das hat mein Großvater immer gesagt. [...] Welche Früchte dann zu Ihnen kommen, dafür sind wir Meisteranbauer zuständig. [...] Aber den begehrten SanLucar Aufkleber bekommen nur die Exemplare, die auch die strengen Kontrollen bei der Verpackung bestehen. [...] SanLucar. Leidenschaft, die man schmeckt."

Die Sorten heißen "Vitamin-C-Körbchen", "Winterwonnen", "Süße Sonnenküsse" und "Morgensonne". Doch mit den lang ausgeschmückten nichtssagenden Texten im Innenteil noch nicht genug. Die Rückseite versucht dann noch einmal mit einer sachlichen Aufzählung, die letzten Zweifel zu beseitigen und mich als potenziellen Orangenesser oder -presser bei meiner Entscheidung für SanLucar zu gewinnen.

Denn

"die erfahrenen SanLucar Meisteranbauer aus über 30 Ländern bauen die Früchte nur in Regionen an, in denen sie traditionell am besten gedeihen und schmecken"

- falls ich zufällig auf Tradition stehe.

Und

"Alle SanLucar Früchte werden von den ausgebildeten Pflückern erste dann von Hand geerntet, wenn sie auch wirklich reif sind - oft in mehreren Erntedurchgängen"

- falls ich ein traditioneller handmade-Typ bin, dem auch die Ausbildung junger Spanier am Herzen liegt.

Und die aussergewöhnliche Meisteranbauer-Kooperation

"sorgt für Obst und Gemüse höchster Qualität. Unser strenges Kontrollsystem bestätigt dies jeden Tag aufs Neue"

- falls ich neben Tradition, Handarbeit und Ausbildung auch Qualität zu schätzen weiß, und mir diese nicht einfach so einreden lasse von Leuten wie dem SanLucar-Opa, sondern wirklich strenge Qualitätskontrollen verlange.

Und zuletzt ist für SanLucar

"im Umgang miteinander Fairplay das oberste Gebot. Darum [...] bieten wir unseren Meisteranbauern langfristige Verträge und entlohnen sie gerecht."

Damit sind alle meine Anforderungen an eine gute Apfelsine erfüllt, denn sie schmeckt und ist von guter Qualität. Sie ist etwas besonderes durch die Tradition ihrer Anbaugebiete und Gedeihung. Und darüber hinaus schafft sie Arbeitsplätze für spanische Meisterpflücker mit gerechtem Lohn, und das sogar nachhaltig.

Gerade dieser letzte Teil ist jedoch eigentlich nicht mehr lustig, und besonders raffiniert, denn "im Umgang" gilt zwar "Fairplay", aber der Lohn ist nur "gerecht". Gerechtigkeit ist ein weiter Begriff, und manche Leute behaupten, dass arme Menschen in Entwicklungsländern aus Mangel an Bemühung unsere Entwicklungsstufe bisher noch nicht erreicht hätten, und finden es deshalb gerecht, dass sie arm sind. Um diesen subjektiven Gerechtigkeitsvorstellungen zu entgehen, gibt es unabhängige Zertifizierungen wie das Fair-Trade-Siegel. Aber das ist SanLucar dann vielleicht doch zu gerecht, da macht man sich dann lieber seine eigenen Regeln in über 30 Anbauländern. Und das Model auf dem Flyer hat garantiert noch keines dieser Anbaugebiete gesehen.

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