Der kapitalistische Jesus
Da hat ein Mensch gelebt, und alle waren erstaunt, dass er ihnen gegenüber gut gesonnen war. Auch wenn jemand ihn ohne Respekt behandelte, blieb er respektvoll. Doch dieses religiöse Idealbild eines Menschen hat sich verändert. Der Jesus von heute hat sich an den Kapitalismus angepasst.
Da ich selten, fast nie mehr, zur Kirche gehe - und dann lieber alleine ohne amtskirchliche Berieselung - höre ich richtig zu, wenn die Person mit schwarzer Echostimme spricht. Vor einigen Wochen war ich auf einer evangelischen Taufe eingeladen. Baumholder hieß die kleiner Stadt, die stark von amerikanischem Militärleben geprägt ist. Tausende Menschen, die direkt oder indirekt mit der US-Army zu tun haben, wohnen in den Kasernen, die übrigens auch amerikanische Namen tragen (Smith und Wetzel Barracks). Da das Kind aber mehr oder weniger zufällig dorthin gelangt war, fand die Taufe nicht in einer der 12 US-Kirchen statt, sondern in der baumhölderlichen Kirche, gelegen auf einer Anhöhe.
Die Menschen waren größtenteils guter Laune, nur die Pfarrerin blickte so düster drein mit einem Blick, den man ihr in dieser Kleinstadt nicht übel nehmen konnte. Sie trug einen Ausschnitt aus dem Matthäus-Evangelium über Vertrauen vor:
"Sorget euch nicht um euer Leben,
was ihr essen oder was ihr trinken sollt
noch um euren Leib, was ihr anziehen sollt!
Ist nicht das Leben mehr als die Speise
Und der Leib mehr als die Kleidung?"
- Recht hatte er, dieser Jesus. Was schehrt mich die Effizienz meines Lebens, wenn ich Vertrauen in die Menschen habe. Und warum sollte ich Angst haben vor dem Menschen, der mein Vertrauen missbraucht, denn es ist sein Unglück, nicht meins. Aber wovon soll ich dann meine Miete zahlen? Mir ist das ja egal, aber die Verwaltungsgesellschaft hat kein Vertrauen in mich. Und die Kaufland-Rechnung? Und Klamotten bei H&M? Doch dieser Jesus hatte all das gerade scheinbar nicht nötig gehabt. Dann ging es weiter:
"Sehet die Vögel des Himmels an!
Sie säen nicht und ernten nicht
und sammeln nichts in Scheunen,
und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.
Betrachtet die Lilien des Feldes, wie sie wachsen!
Sie arbeiten nicht und spinnen nicht;
ich sage euch aber, dass auch Salomo in all seiner Pracht
nicht gekleidet war wie eine von ihnen." (Matthäus 6, 25-33)
Ohne weiter nachzudenken erinnerte das mich jetzt sehr stark an den Fisch Fasch von Berthold Brecht, den ich von einer Kinder-Kassette noch kannte. Der Fisch Fasch mit seinem weissen Arsch:
"Und wenn die Menschen ein Haus bauten
Und wenn die Menschen Holz hauten
Und wenn die Menschen einen dicken Berg durchlochten
Und wenn die Menschen Suppe kochten
Dann sah der Fisch Fasch ihnen stumpfsinnig zu
Und wenn sie ihn fragten: und was machst du?
Dann sagte er: ich bin doch der Fisch Fasch
Und dies hier ist mein weißer Asch." (B. Brecht)
Sollte ich also von nun an leben wie der Fisch Fasch? Jesus lebte wie der Fisch Fasch, und wenn alle für den Winter sammelten, machte er sich einen schönen Tag, gerechtfertigt durch seinen Vater im Himmel und das Vertrauen ins Leben und die Welt? Das ging dann wohl auch der Pfarrerin zu weit. Sie predigte etwas über Vertrauen, das sie jedoch aus dem Vertrauen ins Leben in das Vertrauen in Gott umdeutete. An dieser Stelle wurde mir wieder die gespaltene Einstellung der Kirche zu Gott deutlich, die ich damals bei Erich Fromm kennen gelernt hatte. Unter dem Begriff Monotheismus hatte er mir erklärt, dass manche Menschen eine personifizierte Gottesfigur wünschen, um die essentiellen Fragen zu beantworten nach dem Ursprung des Lebens, nach Leiden, nach Tod. Die Kirche jedoch sagt von ihrem Gott, dass er nicht personifiziert werden darf. Wird er dann aber doch, indem er mit eindeutigen Personeneigenschaften versehen wird: Gott Vater hat nämlich Kinder wie eine Person, und er ist der Gott nicht die Gott oder das Gott. Klammer zu. Das grenzenlose Vertrauen sollte ich also in Gott haben. Dieser Gott würde bei den Katholiken zudem noch in der Kirche oder in Rom wohnen, aber das ist ein anderes Thema. Als nächstes grenzte die Frau in dunkel mit dem trüben Blick die Genzenlosigkeit des uns eben noch ans Herz gelegten Vertrauens ein. Natürlich kein Vertrauen in alle und ohne Grenzen. Denn heutzutage muss man da schon vorsichtig sein mit all den Betrügern und Kriminellen. Terroristen und Banken hat sie nicht genannt, könnten aber durchaus in diesem Misstrauens-Kanon als zweite und dritte Stimme einstimmen.
Der Jesus von heute ist also ein Jesus mit Einschränkungen, Jesus ohne Gewähr, eigentlich ein Kosten-Nutzen-Jesus. Wunder sind ja okay, aber bitte nicht für alle. Jesus Leben heute ist Image-Arbeit. Glaubwürdigkeitsgenerator Transparenz schafft Vertrauen. Aber eben nicht einfach so, sondern für den Lebenslauf, Jesus als Selbstoptimierer. Wunder und Nächstenliebe als Social Sponsoring. Und das ganze muss KOMMUNIZIERT werden, denn was der Christ nicht weiß, kann ihn nicht vom Produkt "Glauben" überzeugen. Die Sache mit der Kreuzigung würde sich der moderne Jesus allerdings nicht mehr gefallen lassen. Da gäb es vermutlich eine Strategie, die ihm sein personal Propheten-Coach empfohlen hätte. Oder in der SWAT-Analyse gesprochen: Nutze den Bekanntheitsgrad der Marke "Jesus", um die Kreuzigung zu vermeiden. Mit dem Ende des Fisch Fasch will abschließen:
"Nur der Fisch Fasch brachte nichts als den Löffel mit
Das sahen einige Leute, sie waren grad zu dritt
Und da fragten sie mal den Fisch Fasch, na und du
Was gibst uns jetzt eigentlich du dazu?
Und da sagte der Fisch Fasch
Ja, wenn ich vielleicht meinen weißen Asch ...
Aber da wurden die Leute zum erstenmal sehr bitter zu dem Fisch Fasch
Und redeten mit ihm plötzlich ganz barsch
Und warfen ihn mal ganz rasch durch die Eichentür und verhauten ihm draußen
seinen weißen Asch." (B. Brecht)