"Willkommen in der Realität!"
Eigentlich will ich mit diesem Text meinen Realismus erklären. Ich habe in meinem bisherigen Leben viel Warmherzigkeit erfahren. Dennoch versuchen mir seit langem Menschen klar zu machen, dass das nicht die "Realität" sei. Genau diese Menschen verhalten sich stattdessen unmenschlich und sagen dabei: "Willkommen in der Realität!"
Meine Eltern haben mich immer verschont mit Maßnahmen, die mich auf die Härte des Lebens vorbereiten. Mein Vertrauen wurde nicht enttäuscht, und einmal, als ich mich wirklich hinterlistig und feige verhielt, um einem Versprechen auszuweichen, war mein Vater offensichtlich so enttäuscht, dass er seine Hand nicht zurück halten konnte, und mir den Hintern versohlt hat. Diese Erlebnis blieb das einzige dieser Art.
Ich startete also mit 18 Jahren und einer sehr friedliebenden und natürlichen Einstellung in diese große Welt. Auf der Ausländerbehörde sowie im akademischen Auslandsamt in Aachen machte ich dann die ersten Erfahrungen mit Ungerechtigkeit und Diskriminierung - nein, nicht ganz, meine Schule und die Erzieher des Internats hatten mich eigentlich schon längst mit diesem Thema konfrontiert, aber nun war ich das Opfer. Meine Schwester, die schon seit einigen Jahren in Köln lebte, machte mir Mut und erklärte mit, ich müsse mir das nicht gefallen lassen und mich durchsetzen. Also setzte ich mich durch und lebte wieder jahrelang in dieser mehr oder weniger normalen Welt. Mein Philosophie-Studium klappte nicht, Architektur und Informatik ebensowenig. Ich hatte keine Freundin und keinen Sex (ob das wohl an Aachen lag?) und konnte mich so richtig als Looser fühlen. Dabei machte ich Techno-Musik, stand mittags zur Mensa auf, und verbrachte den Tag mit Kaffee, Dart, Bärbel Schäfer und Star Trek; abends meistens Bier, Poker oder Veirhunderteinundzwanzig. Umgeben war ich von ebenso erfolglosen Studenten (es waren fast nur Männer), und wenn jemand erfolgreich war, wusste er dies so geschickt zu verbergen, dass man sich nicht schlecht fühlen musste. An sich eine schöne Zukunftsperspektive, wenn da nicht das Geld gewesen wäre.
Ich ging hier und da jobben, und konnte meinen einfachen Lebenswandel zu 30-80% finanzieren. Ich beschloss eine Ausbildung zu machen, um der Erfolglosigkeit an der Uni zu entkommen. Gleichzeitig hatte ich eine fünf Jahre jüngere Freundin gefunden, die mich anbetete und ich sie. Mit meiner Ausbildung fing ihr Studium an, und hörte die unstabile Beziehung auf. Meine Techno-Kollegen, ein Lehrer und ein Koch, hatten höhere Ambitionen als einfach nur Musik zu machen und warfen mich raus. Das war das erste mal, dass man mir sagte: "Du hast immer auf unsere Kosten gelebt. So geht das nicht weiter. Willkommen in der Realität!" Ich stellte mir die Frage:
Ist Realität das Ende der Kunst?
Übrig blieben die Freunde. Und die Ausbildung. Die war aber leider längst nicht so kreativ wie die Musik. Aber ich verdiente Geld, und konnte einen Abschluss machen. Und das war eher ungewöhnlich in dieser Branche, wie ich durch die Geschichten meiner Artgenossen in der Berufschule erkennen konnte. Die Schule war in Köln, der wachsenden Medien-Stadt mit den Agenturen in den tollen großen Gebäuden, Agenturen mit Visionen und Weitblick, doch leider ohne Anstand.
Zweieinhalb Jahre später war ich Werbekaufmann mit Abschluss, und als großer Mac- und Photoshop-Profi natürlich der mit Abstand gefragteste Azubi im Unternehmen, einem total schwachen Unternehmen mit hoher Fluktuation, geringen Löhnen und sowieso keiner angemessenen Zukunft für mich, den Werbekaufmann mit Abschluss. Dachte ich. Ich beschloss also dieses schlechte Unternehmen zu verlassen. Um das große Geld in einer richtigen Agentur zu verdienen. Dachte ich. Ich kündigte natürlich ohne etwas Neues zu haben. Und jobbte erst mal ganz locker in einem Szene-Cafe mitten im Studentenviertel. Cool. Dachte ich.
Meine Bewerbungen in den großen Agenturen wurden alle abgelehnt. Nein, das stimmt nicht, es war schlimmer: ich bekam gar keine Antworten. Keine Reaktion. Rein gar nichts. Und die paar Stunden als Kellner reichten gerade mal, um die Miete zu bezahlen. Ich konnte was, hatte einen Abschluss, was nicht alle hatten, war jedoch nervlich am Ende und musste mich von einer alkoholisierten Kettenraucherin wegen des mangelnden Platzes für Putzlappen auf meinem Tablett anschimpfen lassen. Ich dachte mir: "Willkommen in der Realität!"
Ist Realität die Zerstörung des Glücks?
Ich war heilfroh, dass es meine Eltern gab, und zog erst mal wieder bei ihnen ein. Nach Monaten fand ich einen Job in Trier: Webadministrator und Media-Operator. Dass man seine Praktikanten Trainees nennt, und die Grafiker Junior Art Director, war mir bekannt. Trotzdem fiel ich auf diesen Trick rein. Eine Realität, die Unternehmen und berufliche Positionen inszeniert, konnte sich dennoch nicht vor leeren Kassen schützen. Nach sechs Monaten war der Spaß zu Ende und das Unternehmen Pleite.
Ist es die Realität, wenn Unternehmen nie so erfolgreich sind wie sie behaupten?
Ein verzweifelter Werbekaufmann mit Abschluss, ein "junger Mann mit Zukunft", wusste nicht mehr was tun. Ich beschloss meinem Leben wieder mit Sinn zu füllen. Auch wenn man Geisteswissenschaftlern, Künstlern und Utopisten keine Zukunft verheisst, wollte ich mich all dem wieder widmen. Was konnte ich denn bisher? Werbung, dieses Wort, früher einmal abfällig "Reklame" genannt. Verpackungen machen, ungleich für welchen Inhalt. Verkäufer für alles, meistens heisse Luft. Und das hätte ich dann mit 70 meinen Enkelkindern erzählt, wenn sie mich gefragt hätten: "Opa, was hast du in deinem Leben gemacht?" "Geld verdient, realistisch gewesen, wertfrei künstliche Werte erzeugt. Etwas gemacht, von dem am Ende nur Müll übrig bleibt."
Ich fing wieder an zu studieren, diesmal mit dem Wissen, dass ich es zu Ende machen würde und die Welt verändern könnte. Wie? Mit der richtigen Einstellung. Heute weiß ich, dass dieses Fach das einzig richtige war, weil es sich mit gesellschaftlichen Probleme beschäftigt, die zwischen den Systemen mit ihrer eigenen Logik und der Lebenswelt des Menschen entstehen. "Self-fulfilling Prophecy" nennt man das. Inzwischen glaube ich über die Realität:
Realität ist das, was man ihr zugesteht. Sie ist das, was passiert, nachdem man seine Realität eigentlich schon längst festgelegt hat.
Dienstag, 06-10-09 20:54
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