Wir sind mit Filmen groß geworden

(c) 2008 Michael Lambertz
Man sieht eine Reisschüssel mit ein paar Körnern, daneben steht "Weniger ist leer." Man erkennt im vorbeifahren noch dass es sich um eine Kampagne von Brot für die Welt handelt, für das Kleingedruckte reicht die Zeit nicht mehr. Die Ampel schaltet auf grün.
Bilder wirken ansprechend. Bilder sprechen eine eigene Sprache. Die Sprache, die unsere Bilder heute sprechen, ist nicht die einzige, sondern nur die geläufigste, die meist verstandenste, die internationalste, sozusagen das Englisch der Bilder. Und wer etwas erreichen will im Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit, setzt meinstens auf jene Bildsprache. Und jedesmal, wenn wieder mal ein Bild in dieser Sprache spricht, verstärkt es die Macht seiner eigenen Sprache. Ein Teufelskreis also.
Dahinter steht ein einfaches Prinzip: je mehr sich Menschen auf eine bestimmte Bildsprache einlassen, je mehr sie über jene Bilder lernen und erkennen, umso verständlicher, unmissverständlicher und logischer erscheinen diese Bilder.
Andererseits muss sich das eine Bild eben in diesem Wettbewerb mit den anderen Bildern behaupten, und weil es vom Menschen gemacht wurde, tut es das was der Mensch in einer Konkurrenzsituation auch tun würde: es wird agressiv. Die Agression äußert sich teils im Inhalt, teils in der Sprache. Ein Mensch, der würdelos nackt und verletzt abgebildet wird, kann ebenso mit erzeugter Aufmerksamkeit auftrumpfen wie die Symbolik in einem Magnum "Fünf Sinne" Werbespot von Langnese*.
Doch wie hat sich diese dramatische Bildsprache entwickelt? Dazu hat der Liedermacher Funny van Dannen einen seiner schönsten Songs geschrieben. Hier ein Auszug:
"Wir sind mit Filmen groß geworden
Im Westen, im Osten, im Süden, im Norden
Wir sind mit Filmen groß geworden
Ich glaube das hat uns verdorben
Wir erwarten von unserem Alltag einfach viel zu viel
Doch das Leben ist kein Spielfilm, das Leben ist kein Spiel
Hier gibt es selten Spannung und die Leute sind nicht chic
Und es fehlt die dramatische Musik"
Die Aufmerksamkeit kann diese Bildsprache erzielen, doch wie sieht es aus mit den wirklichen Wirkungen? Wird der Mensch, der Obama gewählt hat, später mit Obama zufrieden sein? Wird der Mensch, der die Reisschüssel-Kampagne gesehen hat, beim nächsten Einkauf im Reisregal daran denken oder gar die Zusammenhänge verstehen wollen, warum Brot für die Welt kein Brot für die Welt sammelt sondern viel komplexere Ziele hat? Aus dieser Perspektive wäre der gesamte Bereich von inszenierter Kommunikation in Frage gestellt.
* wer sich das antun will: http://www.youtube.com/watch?v=vrHgAifiBGY